Talk:Atlas of the Development of Man 1
Vorrede.
Der I Teil des Atlas der Entwicklungsgeschichte des Menschen enthält, wie schon auf dem Titelblatt angegeben wurde, die Embryologia intestinorum (es ist damit das Darmsystem im engen Sinne gemeint) dann die Embryologie des Herzens und der Gefäße, des Hirns und der Nerven und endlich der Sinnes- organe. Den Schluß bilden Autorennamen, Sachregister und Literaturverzeichnis.
Die Verlagshandlung war damit einverstanden, dem Atlas ein Literatur- verzeichnis beizufügen. Es ist dies ein etwas ungewohntes Vorgehen. Allein zwei Gründe wirkten hierfür bestimmend. Zunächst sollten jene Abhandlungen namhaft gemacht werden, welchen ein Teil des Materiales für den Atlas ent- nommen war. Dadurch wird jeder in den Stand gesetzt, die Originale zu ver- gleichen und den Einblick in die Tatsachen der Entwicklung zu vervollständigen.
Da aber die menschliche Entwicklungsgeschichte noch ansehnliche Lücken aufweist, so mußte auch über diese Grenze hinausgegangen werden. Es mußte also von der vergleichenden und experimentellen Entwicklungsgeschichte etwas heran- gezogen werden, denn diese beiden Gebiete sind die Grundlagen für so manche Aufklärung über die Entwicklungsgeschichte des Menschen.
Die Nomenklatur -der Entwicklungsgeschichte ist nicht minder verworren, wie einst jene der systematischen Anatomie war. Rufe nach einer Regelung sind schon wiederholt laut geworden *). Bei der ausgiebigen Bezeichnung der Figuren und in dem begleitenden Texte bin ich konservativ verfahren; bisweilen wurden die lateinischen Namen bevorzugt, doch bin ich durchaus nicht reformatorisch aufgetreten. Nur gemeinsames Vorgehen dürfte zu einem befriedigenden Ziele führen.
1) Auf dem XV. internationalen medizinischen Kongreß in Lissabon — April 1906 — hat ach die anatomische Sektion mit dieser wichtigen Aufgabe befaßt, siehe Loewenthal, N., Con- tribution ä T^tude de l'unification de la nomenclature histologique et histog^n^tique. Sonderab- druck 1906. Auch die Regelung der embryologischen Literatur stand auf der Tagesordnung.
Bei der Reproduktion mancher Abbildungen waren kleine Abänderungen vorzunehmen, um den Zusammenhang mit benachbarten Organen zu vervollständigen. Äußere Zutaten werden für das Verständnis oft sehr wertvoll. Ich glaube nicht, bei solchen Änderungen das Maß des Zulässigen überschritten zu haben. Niemals wurde entscheidend eingegriffen. Sollte es dennoch den An- schein haben, so bitte ich um nachsichtige Beurteilung bei dem Umstand, daß einem Atlas der Entwicklungsgeschichte des Menschen noch für Jahrzehnte jene Vollkommenheit fehlen wird, welche die Atlanten der systematischen Ana- tomie heute schon auszeichnet.
Unter den Autoren ist auch Friedrich Ziegler aufgeführt und damit das Atelier für wissenschaftliche Plastik hervorgehoben, das so viele treffliche Modelle zum Studium der Entwicklungsgeschichte geliefert hat. Diese Modelle stellen den eisernen Bestand unserer Lehrmittel dar und sind von mir vielfach benützt worden. Sie bieten mit den Rekonstruktionen einen willkommenen Er- satz für die Wiedergabe von Serienschnitten , die als Dokumente zwar großen Wert besitzen, aber hier nur sehr beschränkte Verwendung fanden, da sie oft Rätsel aufgeben, die nicht leicht zu lösen sind.
Schematische Figuren wurden möglichst vermieden. Es sollte das beson- dere menschliche Gepräge Ausdruck finden. Jede Spezies hat trotz der Zeichen tiefgehender Stammesverwandtschaft doch ihren bestimmten anatomischen Bau, der durch schematische Figuren der Natur der Sache nach verwischt wird, weil sie generalisieren. — Mit dem Ende der achten Woche sind die Hauptformen spezifisch menschlicher Gestaltung im ganzen angelegt. Die Mehrzahl der Abbildungen stammt denn auch aus den ersten embryonalen Wochen, jedoch wurde die fetale Entwicklungsperiode wenigstens in einigen Figuren berück- sichtigt; denn im einzelnen ist auch nach der 8. Woche noch vieles auszubauen.
Wie sehr in der frühesten Zeit die Primatennatur ausgeprägt ist, werden manche Abbildungen ausreichend erkennen lassen. Auf einer bestimmten Stufe ist diese Übereinstimmung recht ansehnlich, so daß Naturforscher, deren Ruf feststeht, dennoch Vögel und Affenembryonen mit denen des Menschen ver- wechseln konnten.
Bezüglich der Orientierung der Figuren hat C. M. Jackson (Anatom. Anz. 1902. Bd. XX. S. 300) einige beherzigenswerte Bemerkungen gemacht. Sie betreffen zwar vorzugsweise die topographische Anatomie, haben aber eine allgemeine Gültigkeit. Man hat die Wahl, die ventrale Oberfläche oder die dorsale nach aufwärts zu orientieren. Die erstere Position ist die des anatomischen Seziersaales; die Leiche liegt auf dem Rücken und daher ist diese Orientierung zumeist gewählt worden bei den Darstellungen. Allein die andere Orientierung, die dorsale Fläche nach aufwärts, hat den Vorzug, daß die Beziehungen der Organe ebenso erscheinen, als ob der Körper durchsichtig wäre und vor dem Auge sich befinde, sei es, daß die Person in stehender, sitzender oder liegen-
der Haltung gedacht ist. Vom topographischen Standpunkt aus muß man also dieser Orientierung den Vorzug geben.
Für die Entwicklungsgeschichte kommt aber noch eine vergleichend- anatomische Erwägung hinzu, die Jackson ebenfalls schon hervorgehoben hat. In der vergleichenden Anatomie sind weitaus die meisten Schnitte des Körpers mit der dorsalen Fläche nach aufwärts wiedergegeben. Der Grund liegt haupt- sächlich darin, daß diese Art der Darstellung die typische Position der Organe veranschaulicht, denn der Wirbelkanal und die dorsale Körperfläche liegen oberhalb der Körperachse, die Leibeshöhle und die ventrale Fläche dagegen nach unten. Ich habe mich an diese wünschbare Art der Orientierung gehalten und ebenso an eine andere, welche kranial liegende Organe in den Abbildungen in derselben Richtung wiedergibt und solche, welche kaudalwärts liegen, natür- lich nach unten wendet. Das scheint so selbstverständlich, daß es fast überflüssig erscheint, darüber nur ein Wort zu verlieren. Und doch geschieht nicht selten das genau entgegengesetzte. Es wäre erfreulich, wenn auch nach dieser Seite hin in der Zukunft ein Fortschritt bemerkbar würde.
Basel im Dezember 1906.
J. Kollmann.